Sonar Quartett: Black Angels - Whole New World
Das renommierte Streicherquartett widmet sich vorrangig avantgardistischen Werken. Mit "Black Angels" entführt es mit einer modernen Erweiterung des berühmten Werks von Georg Crumb in eine musikalische Reise der Seele zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Das Sonar Quartett
Seit seiner Gründung 2006 tastet das Sonar Quartett immer wieder die Ränder der klassischen Musik ab. Es erschafft Utopien und improvisiert Klangabdrücke, deren Nachhall schon den Weg zum nächsten notierten Werk nährt.
Die vier in Berlin lebenden Musiker Wojciech Garbowski, Salvatore Di Lorenzo, Ian Anderson und Konstantin Manaev verstehen sich als komponierendes Streichquartett, das weit über vermeintliche Genregrenzen hinausgreift, indem es sich auch der eigenen Körper, elektronischer Verstärkung und Verfremdung bedient oder auch bildkünstlerische Werke in Klang verwandelt.
Das Sonar Quartett war in den vergangenen Jahren mit Konzerten bei einschlägigen Festivals wie London Ears, Gaudeamus Utrecht, Présences Paris, Tage Neuer Musik Zürich, Pan Music Festival Seoul, Festival Musiiki Aika (Finnland), Huddersfield Contemporary Music Festival, Era Schaeffera Warschau, KLANG Kopenhagen Avantgarde Music Festival, Nauriz XXI Almaty (Kasachstan), Festival de Musica de Morelia(Mexiko) und Open Days Aalborg zu Gast.
Daneben konzertierten sie bei den Festivals Ultraschall Berlin, MaerzMusik, dem Forum Neuer Musik des Deutschlandfunk, dem Siemens Arts Program, dem Bachfest Leipzig und den Wittener Tagen für neue Kammermusik.

Black Angels - Whole New World
Das Jahr 2025 markierte den 50. Jahrestag des Endes des Vietnamkriegs – eines zwanzigjährigen Massakers, bei dem fast vier Millionen Menschen ums Leben kamen. Doch haben wir aus diesen Schrecken etwas gelernt? Der Nahe Osten gerät immer weiter in einen offenen Krieg. Große Teile Palästinas sind bereits zerstört, während Israel zunehmend isoliert und bedroht ist. Regionale Spannungen nehmen zu und breiten sich weiter aus. In Europa zeigt der Krieg Russlands gegen die Ukraine keinerlei Anzeichen einer Lösung. Es scheint, als könne die Menschheit nicht aus der Geschichte lernen. Das ist unsere Realität.
George Crumbs Black Angels, entstanden auf dem Höhepunkt des Vietnamkriegs, reflektiert die Schrecken des Krieges und beschreibt – in Crumbs eigenen Worten – eine „Reise der Seele": Abschied (der Fall aus der Gnade), Abwesenheit (spirituelle Auslöschung) und Rückkehr (Erlösung).
In Black Angels: Whole New World lädt das Sonar Quartett das Publikum ein, diese erweiterte „Seelenreise" weiterzudenken: Woher kommen wir? Wo stehen wir heute? Und wohin steuern wir als Menschheit?
Ausgehend von der inneren Struktur von Crumbs Black Angels – basierend auf Numerologie und den traditionell heiligen Zahlen 7 und 13 sowie drei Klangwelten der Klage für die Toten – weiten wir den Blick: tief in unsere Vergangenheit und weit in die Zukunft. Wir reflektieren unser heutiges Verhältnis zu Konflikt und Tod und deren Verbindung zu Geschichte und Zukunft. Black Angels fungiert dabei als zentrales Spiegelwerk, in dem wir Konflikte der Menschheitsgeschichte – zwischen Gesellschaften wie auch zwischen Nationen – sowie Konzepte wie zyklische Zeit und die Verbindung von Singen und Weinen verhandeln.
Mit Werken von Hildegard von Bingen, Björk, FKA twigs, Olivier Messiaen, Jlin, Samuel Barber, John Cage, Radiohead, Vangelis (aus dem Film Blade Runner), Kraftwerk und SOPHIE beziehen wir uns auf Crumbs Bewegungstitel wie „Ancient Voices", „Lost Bells", „Pavana Lachrymae", „Sarabande of Obscure Death" oder „God Music". Wir überschreiten Zeiten, Kontinente und Genres – bis hinaus in ferne Galaxien.
Musik kann die Welt nicht verändern, aber sie kann uns helfen, das Geschehen zu verarbeiten. Geschichte verläuft zyklisch und endlos – ebenso die Zeit. Können wir diesem endlosen Kreislauf entkommen, oder werden wir uns letztlich selbst zerstören? Diese Fragen sind heute ebenso dringend und gültig wie jemals zuvor.
In den unsterblichen Worten von Roy Batty aus Blade Runner: „Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet.
Angriffsschiffe in Flammen vor der Schulter des Orion. Ich habe C-Beams glitzern sehen im Dunkel nahe dem Tannhäuser-Tor. All diese Momente werden verloren sein in der Zeit – wie Tränen im Regen."
PROGRAMM
(alle Werke in Arrangements des Sonar Quartetts, außer Black Angels)
1. Hildegard von Bingen: Sed Diabolus
(Untertitel aus „Black Angels": „Threnody I: Night of the Electric Insects")
Text: „Doch der Teufel ist neidisch, verspottet – und lässt kein Werk Gottes unberührt."
2. Björk: Ancestors
„Klänge von Knochen und Flöten" – eine Reise tief in unsere Vergangenheit, zu unseren Ahnen.
3. FKA twigs: Mary Magdalene („Lost Bells")
Eine Reflexion über gesellschaftliche Machtungleichgewichte, die sich durch die Geschichte ziehen – hier insbesondere über die Rolle der Frau in der Gesellschaft, aber übertragbar auf jede marginalisierte oder unterdrückte Gruppe.
4. Olivier Messiaen: Quartett für das Ende der Zeit, V. Satz: „Danse de fureur, pour les sept trompettes" („Devil Music")
Messiaen schrieb dieses Werk als Kriegsgefangener in einem deutschen Konzentrationslager im Zweiten Weltkrieg. Die sieben Trompeten der Apokalypse bringen Zerstörung und Tod; die siebte verspricht Frieden – ein Zustand, den wir verzweifelt erwarten, der jedoch nie eintritt.
5. Jlin: Guantanamo („Danse Macabre")
Düstere, antreibende Rhythmen verbinden den Totentanz mit dem Gefängnis Guantanamo – einem Symbol für Ungerechtigkeit, Brutalität, Folter und die Missachtung der Menschenrechte.
6. Sonar Quartett: Improvisation über Samuel Barber: Adagio for Strings
(„Pavana Lachrymae" – „Tränen")
Barbers Adagio wurde im Westen zu einem Symbol kollektiver Trauer (u. a. nach 9/11, bei der Beerdigung John F. Kennedys und bei Gedenkkonzerten für die Corona-Opfer). In Russland hingegen war es während des Kalten Krieges verboten. Die Improvisation erforscht die Verbindung zwischen Singen und Weinen – zwei körperlich eng verwandte Ausdrucksformen.
7. George Crumb: Black Angels
(„Threnody II: Black Angels!")
8. John Cage: 4'33'' („Sarabande of Obscure Death" – „Sarabande des dunklen Todes")
Als Spiegel von Singen und Weinen: stille Reflexion. Der Tod ist Stille.
9. Radiohead: Pyramid Song („Lost Bells (Echo)")
Inspiriert von ägyptischen Jenseitsvorstellungen und zyklischer Zeit. Uraufgeführt beim Tibet Freedom Concert 1999 in Amsterdam.
10. Olivier Messiaen: Quartett für das Ende der Zeit, VIII. Satz: „Louange à l'Immortalité de Jésus" („God Music")
Das Spiegelbild der „Danse de Fureur". Vielleicht können wir hier die siebte Trompete erklingen lassen – die Ewigkeit Jesu.
11. Kraftwerk: Europe Endless („Ancient Voices")
Zyklische Zeit, endlose Wiederholungen durch die Geschichte der Menschheit.
12. Vangelis: Tears in Rain (aus dem Film Blade Runner) („Ancient Voices (Echo)")
Ein Blick in Vergangenheit und Zukunft, ein Echo unserer Vorfahren. „All diese Momente werden verloren sein in der Zeit – wie Tränen im Regen."
13. SOPHIE: Whole New World / Pretend World („Threnody III: Night of the Electric Insects")
Eine apokalyptische Reflexion über das Gute und Böse im Menschen. Die Menschheit ist fähig zu radikaler Selbstlosigkeit – und zu unsagbarer Grausamkeit. Welchen Weg wählen wir?
