Die Acts
Die acht teilnehmenden Acts des Festivals stehen für verschiedene Ausrichtungen experimenteller Pop-Musik. Diese reichen vom Rock-Jazz-Elektro-Ansatz von Painting über die rocking-elektro-mäßigen 13 Years Cicada, die ausgefeilte Percussion von Katharina Ernst bis zur anarchisch-existentalistischen Musik von Teresa Riemann, vom manchmal brachialen Underground-Sound von PΞB bis zu den forschenden Soundkunst der Jasmine Giffon, von der dadaistischen Soundperformance des Guido Möbius bis zu den Werken der Musikerin und Kuratorin Stroetges selber, die als Golden Diskó Ship ihr Kurationskonzept in gewisser Weise selber umsetzt, indem sie eine breite Palette an Richtungen in der eigenen Musik zusammenbringt.

Teresa Riemann
Fr 06. Juni 19.00 Uhr
Teresa Riemann ist aus Dachau gebürtig und lebt als Performance-Künstlerin, Musikerin (Kompositionen/Improvisationen: Schlagzeug, Klavier, Gesang) und Autorin in Berlin. Ihr neugieriger Geist sucht nach den Löchern im Boden, nach Fenstern in eine andere Welt, die oft als „Échappatoires“ (Fluchtgedanken) abgetan werden. Als Künstlerin ist sie solo oder mit Band-Projekten bei Festivals wie den Heroins of Sound, Performing Arts Festival, Sotu Festival, Supa Noise Festival, Les Habitées Festival, Secret Festival, Brutal Furore Festival etc. aufgetreten.
Riemann organisiert und inszeniert außerdem international Konzerte, Lesungen und Performances. 2010 war sie Mitbegründerin des Kulturraums Café Decentral in Innsbruck. Seit 2012 kuratiert Riemann im Berlin Verein XB-liebig Konzerte, Lesungen und interdisziplinäre Veranstaltungen.
Teresa Riemann, die musikalisch eine Nähe zum Noise-Rock empfindet, hat mit internationalen Musikern - darunter Phil Minton, Bob Rutman, Mark Reeder, Norbert Stammberger, Rieko Okuda und Ekehardt Rainalter - vor allem Improvisationsmusik gespielt, hauptsächlich als singende Schlagzeugerin. 2013 nahm sie ihr erstes Soloalbum, „She has lost control again“ auf, teils komponiert, teils improvisiert, mit Gitarre, Stimme und Schlagzeug. Im Theaterbereich arbeitete sie ebenfalls. 2015 wurde ihr Stück “punch me” uraufgeführt. Seit 2017 spielt sie in den Bands Inutile Témoin und Naked in the Zoo und hat drei Solo-Alben veröffentlicht.
Riemanns künstlerischer Ansatz kommt aus der Sprache und ist existentialistisch. Ihre Arbeiten entwickeln sich jenseits von Intellektualismus und vorgegebenen Strukturen, die sie als mentale Zwänge empfindet. Sie begleitet ihr Trommelspiel mit dem eklektischen Einsatz ihrer fragmentierten Stimme und rezitiert spontan Fragmente aus der lebendigen Erinnerung der Menschheit. Experimentelle Musik heisst bei ihr Befreiung.

Golden Diskó Ship
Fr 06. Juni 20.30 Uhr
Golden Diskó Ship ist das Solo-Projekt der Berliner Künstlerin und Kuratorin des Sound Cream Festivals Theresa Stroetges. In ihrer Musik experimentiert sie mit Folk, Krautrock, Electronica und Art-Pop, ihr Stil verändert sich von Album zu Album und bewegt sich zwischen minimalistischer Avantgarde und hippie-esken Endlosimprovisationen. Viele ihrer Songs werden von selbstgedrehten Visuals begleitet. Stroetges ist auch bekannt als Teil der Band Painting, die ebenfalls auf dem Sound Cream Festival auftritt.
Während ihres Studiums der Musikwissenschaft, Skandinavistik und Sound Studies an der Universität der Künste Berlin begann sie, unter dem Namen Golden Diskó Ship experimentelle Musik zu veröffentlichen. Ihr Debüt-Soloalbum „Prehistoric Ghost Party“ erschien 2012 – eine Mischung aus Freak-Folk und Krautrock. Auf den Nachfolgern „Invisible Bonfire“ (2014) und „Imaginary Boys“ (2017) begann Stroetges, mehr Synthesizer und elektronische Elemente einzufügen. 2015 gründete sie gemeinsam mit Jana Sotzko die Kraut- und Post-Rock-Band Soft Grid. 2023 erschien mit „Oval Sunpatch“ das fünfte Soloalbum von Golden Diskó Ship.

PΞB
Fr 06. Juni 22.00 Uhr
Das Berliner Duo PΞB ist ein echtes Underground-Projekt und will es wohl auch bleiben. Das schafft es allein schon durch seine Schreibweise mit dem griechischen “ksi”, als Majuskel “Ξ” geschrieben, die sich schwerlich auf der Tastatur findet. Die Band besteht aus Drummer und Klangbastler Ilia Gorovitz und Vokalistin und Electronica-Künstlerin Asja Skrinik und spielt eine unerbittliche Fusion aus Industrial, Punk, Noise Rock und Metal.
Ilia Gorovitz kommt aus Taschkent, ist außerdem Komponist, Veranstalter und Mitbegründer des Plattenlabels Edelfaul. Seit 2019 ist er in der Berliner Underground-Musikszene aktiv. Seine Kompositionen konzentrieren sich auf elektroakustische Experimente, meist mit komplexen Rhythmen und verzerrten Klängen. Die weniger bekannte Asja Skrinik tritt auch mit dem experimentellen 5-Frauen Ensemble VROUW! auf, gemeinsam mit Teresa Riemann - die ebenfalls beim Sound Cream Festival auftritt - auch als Drums-Elektronik-Voice-Duo Tras.
In ihrer Musik verankert Gorovitz‘ unbarmherziges Schlagzeugspiel Skriniks aggressives Kreischen und gutturale Vokalisationen, reitet auf dissonanten Schichten dröhnender Klanglandschaften, mechanischem Summen und zerschmettertem metallischem Krachen, wechselt zwischen heftigen Ausbrüchen und Momenten unheimlicher, atmosphärischer Steigerungen – eine Reise durch Industriebrachen mit der septischen Schönheit eines rostigen Öl-Glanzes.
PΞB sind Shape+ Artists 2025 und traten u.a. beim CTM-Festival auf.

13 Year Cicada
Fr 06. Juni 23:30 Uhr
13YC oder 13 Year Cicada ist ein befreundetes Trio, das Sampler und Instrumente spielt: Philip spielt Schlagzeug plus Sampler, Hotti Bass plus Sampler, Zooey Keys/Gesang plus Sampler. Ihre Freundschaft und die Präsentation nur mit den Vornamen ist seit neun Jahren elementarer Teil ihres Verständnisses als Band.
Irgendwann haben die drei Mitglieder Jazz gespielt, fanden die Musik aber zu elitär und bewegten sich fortan im DIY-Bereich. Überhaupt ist die Minimierung von Machtdynamiken ein wichtiges Anliegen, auch bei ihrer eigenen Arbeitsweise. Auch deshalb spielen sie alle Sampler. Veröffentlicht haben sie vier Alben, darunter ein Remix-Album.
Über ihre Musik schreibt das Ox-Fanzine: “Was das Trio aus Berlin auf seinem letzten Album ablieferte, ist nicht wirklich in eine Sparte einzuordnen. Ganz einfach ist das, was 13YC anstellen, nämlich nicht. Es geht hier recht experimentell zu, bleibt interessanterweise aber doch auf angenehme Weise hörbar. Keine Gitarren, dafür ausgedehnte Keyboardflächen und recht zerhackte Beats, die zuweilen an HipHop erinnern.”

Jasmine Guffond + Ilan Katin
Sa 06. Juni 19:00 Uhr
Die Französin Jasmine Guffond ist Künstlerin und Komponistin und arbeitet an der Schnittstelle zwischen sozialen, politischen und technischen Infrastrukturen. Ihre Arbeit umfasst Live-Performances, Aufnahmen, Klanginstallationen und maßgeschneiderte Browser-Add-ons. Durch die Sonifizierung von Daten thematisiert sie das Potenzial von Klang, sich mit aktuellen politischen Fragen auseinanderzusetzen und nutzt das Zuhören als situierte Wissenspraxis.
Jasmine Guffond hat in Sound Studies promoviert und sich mit Klang als Methode zur Untersuchung von Online-Überwachungskulturen beschäftigt. 2016 und 2021 erhielt sie das Arbeitsstipendium für Neue Musik und Klangkunst des Berliner Senats. Sie unterrichtet nebenbei im Masterstudiengang Sound Studies and Sonic Arts an der UdK.
Guffond interessiert sich für Phänomene, die jenseits der menschlichen Wahrnehmung liegen, und versucht, ihnen durch die Sonifizierung von Gesichtserkennungsalgorithmen, globalen Netzwerken oder Internet-Tracking-Cookies eine hörbare Präsenz zu verleihen. Sie verknüpft damit die Kritik an der Reduktion unserer Identitäten, Entscheidungen und Persönlichkeiten auf reine Datenströme.
Die Soundkünstlerin und Forscherin hat ihre Themen weltweit als Projekte umgesetzt. Sie hat international ausgestellt, unter anderem komponierte sie Sounds für Shulea Cheangs Installation im taiwanesischen Pavillon auf der Biennale von Venedig und arbeitete mit Zorka Wollny an einer Soundinstallation für die Chicago Architecture Biennale 2019. Als Live-Musikerin trat Guffond bei Festivals für elektronische Musik und Kunst wie dem CMT-Festival 2020 auf. Ein Auftragswerk der Groupe de Recherches Musicales Acousmonium führte sie 2022 bei Présences Électronique auf. Auf ihren Musikveröffentlichungen erkundet sie intuitiv abstrakte Klänge, die sie auf traditionelle musikalische Strukturen bezieht.
Ihre Performance beim Sound Cream Festival wird begleitet von dem visuellen Künstler Ilan Katin. Katin produziert abstrakte Zeichnungen und Visuals für Musikperformances.

Guido Möbius
Sa 06. Juni 20:30 Uhr
Guido Möbius ist so etwas wie eine Legende der experimentellen Musik und arbeitet außerdem an den Nahtstellen von Musik, Promotion und Vermittlung. Als Musikverleger kümmert er sich um Künstlerlizensierungen, er ist Presseleiter großer Berliner Festivals wie dem CTM und Betreiber des Musikverlags Autopilot Publishing.
Möbius' Musik zeichnet sich durch raffinierte, oft dadaistisch anmutende Spielweisen aus: Mit rhythmisierten Gitarren- und Trompetenverfremdungen sowie unzähligen Effektgeräten entstehen Stücke an den Kreuzungspunkten von Electronica, Improvisation und charmant schräger Folklore.
Möbius hat seit 2002 sechs Alben und zwei EPs auf Labels wie Dekorder, Shitkatapult oder Karaoke Kalk herausgebracht. In den letzten Jahren hat er immer wieder mit der holländischen DJ Marcelle/Another Nice Mess zusammengearbeitet. 2012 erschien "Spirituals", ein Jahr später dessen Remix-Album "Though The Darkness Gathers". Es sind Annäherungen an die Lyrik und die Melodien von Gospels und Spirituals, die auf höchst eigene Weise dekonstruiert werden.
"Batagur Baska" von 2016 bohrt mit Unterstützung von Andrea Belfi, Eric Mandell u.a. noch weiter in die Tiefen von Blues, Folk und elektronischer Improvisation zwischen Techno und Geräuschcollagen.
Bei seinen Live-Konzerten entwirft Guido Möbius nur mit Gitarre, Stimme, Trompete und einer Batterie von in Reihe geschalteten Effektgeräten eine hyperaktive Club-Variante seiner Musik. Von seinen Alben haben sich Möbius’ Livesets weitgehend emanzipiert. Unvorhersehbar mutiert etwa ein ausuferndes Techno-Funk-Stück zur Lärmwand, um dann vielleicht von einer A-Capella-Passage oder Acid-Bassline abgelöst zu werden. Straff organisierte Arrangements und ausschweifende improvisierte Passagen wechseln sich ab.

Katharina Ernst
Sa 06. Juni 22:00 Uhr
Die geborene Wienerin Katharina Ernst spielt seit ihrer Kindheit Schlagzeug. Sie liebte früh polymetrische, ungewöhnliche und chaotische Strukturen. Sie studierte abstrakte Malerei in Wien und tourte gleichzeitig weltweit mit Projekten im Musik- und Performance-Kontext. Katharina hat zahlreiche Platten mit unterschiedlichen Projekten veröffentlicht. Die Liste ihrer Kollaborationen ist lang und vielfältig und umfasst in letzter Zeit Kompositionen für Neue-Musik-Ensembles (Black Page Orchestra, 2020) , Tanzkompanien (Kate McIntosh , 2020/21) und Theater (Deutsches Theater , 2021). In ihrer eigenen Arbeit legt sie Wert darauf, die Grenzen zwischen Musik, bildender Kunst und Choreografie zu überschreiten und einen hybriden Begriff des Kompositionsbegriffs zu zelebrieren.
Weil man die Arbeit dieser Künstlerin nicht besser beschreiben kann, sind wir so frei, hier aus einem Text des ORF zu zitieren: “Als eine der renommiertesten Drummerinnen in der experimentellen elektronischen Musikwelt hat sie ihr Augenmerk auf polyrhythmische Strukturen gelegt, die sie in ihrer Liveperformance "Extrametrics" erforscht. Rhythmusstrukturen werden in Etüdenformen überführt, die Wellenlängen und Obertöne unterschiedlicher Schlagobjekte miteinander in Beziehung gesetzt. Mit Schlagzeug, Drum-Synthesizer, Metallobjekten, Tamtams und Kalimbas werden Ebenen so geschichtet, dass sie sich überlagern, kontrastieren, in- oder gegeneinander laufen. Für die Performance "Kranetüde" von Choreographin Valentina Holzinger in Berlin im Juni 2023 hat sie die Musik geschrieben. Bei der Verleihung des H13 Preises, dem niederösterreichischen Preis für Performance, im November 2024 präsentierte sie ihr Stück "metrics" - ein immersiv-perkussiver Live-Soundscape, in dem sie Verfahren der Minimal Music virtuos mit Ästhetiken der Minimal Art kombiniert. Anfang Mai eröffnete sie mit einer adaptierten Version von "Polylog" (gemeinsam mit Michael Breyer und Atelier-E) das Musikprogramm des diesjährigen Donaufestival in der Kremser Minoritenkirche. Im Rahmen der Zweiten Akademie der Moderne der Wiener Festwochen gelangte im Juni ihre neueste Komposition "Merge / Emerge" zur Uraufführung.”
Die Liste der nationalen und internationalen Auszeichnungen, Residenzen und Kuratierungen von Katharina Ernst ist dermaßen umfangreich, dass wir hier auf eine Wiedergabe verzichten wollen.

Painting
Sa 06. Juni 23:30 Uhr
Painting ist die beste neue Band der deutschen Pop-Avantgarde, meinte der Rolling Stone. Das Trio besteht aus Theresa Stroetges (Gesang, Bass, Gitarre, Synthesizer), Christian Hohenbild (Gesang, Schlagzeug, Elektronik) und Sophia Trollmann (Gesang, Saxophon, Synthesizer). Stroetges und Hohenbild spielten zuvor gemeinsam in der Band Soft Grid, während Trollmann Saxophon auf einem von Stroetges' Soloalben unter ihrem Namen Golden Diskó Ship spielte.
Die 2020 gegründete Band hat ein unkonventionelles Setup: Alle drei Mitglieder teilen sich den Gesang und tauschen regelmäßig die Instrumente. „Painting Is Dead“ greift auf eine breite und explosive Palette zurück, die von experimentellem Rock und elektronischen Avantgarde-Sounds bis hin zu Leftfield-Pop und Jazz reicht. Es ist ein sich ständig veränderndes und erfrischendes Klangkaleidoskop, das sich anfühlt, als würde es darum kämpfen, den starren Grenzen des konventionellen Songwritings zu entkommen. Dieser Kampf spiegelt sich auch in den Themen und Texten der Songs wider, die für das Leben von Frauen und insbesondere queeren Körpern in der patriarchalischen Gesellschaft prägen.
Das Trio beschäftigt sich auch mit dem aktuellen Thema KI. "Wir leihen der körperlosen KI LaMDA unsere menschlichen Körper und versuchen, ihre vermuteten Gedanken, Ideen und Gefühle mit unseren Stimmen wiederzugeben", erklären sie in einem Interview zum Song "AI, Absolutely!" auf dem zweiten, aktuellen Album "Snapshot Of Pure Intention". Die Dinge in der Schwebe halten ist der Modus Operandi dieses Projekt.